Von Bolivien sind wir dem Ufer des Titicacasees bis nach Puno, Peru, gefolgt. Von schwimmenden Inseln, strickenden Männern und Mützen und Röcke als Erkennungszeichen des Zivilstandes.

In La Paz (Bolivien) haben wir am Morgen früh direkt am Busterminal einen Transport nach Puno (Peru) gebucht und bekamen in einem Litoral-Bus noch die hintersten vier Plätze. Direkt neben dem Klo, wo sich in den Kurven immer wieder die Tür von alleine öffnete und uns in eine Wolke von Pissgeruch hüllte. Ein Blick in die Kabine offenbarte eine grauslige Szene, der Boden bereits zentimeterhoch mit Urin bedeckt, der auf den holprigen Strassen heraus zu schwappen drohte. Igitt! Es galt während den sechs Stunden Fahrt bis nach Puno die eigene Blase im Griff zu behalten. Immerhin haben wir wohl den günstigsten Bus erwischt, wie man daran erkennen konnte, dass viele israelische Touristen mitreisten. Für 60 Bolivianos (ca. 7.50 CHF) inklusive Frühstück und Mittagessen kann man sich nicht beklagen, obwohl das Frühstück aus einem matschigen Brötchen und einem Schluck Tee bestand und wir das Mittagessen gar nie zu Gesicht bekamen. Appetit hatten wir sowieso keinen im Pissnebel.

In Desaguadero hielt der Bus und wir wurden angewiesen, auszusteigen und zu Fuss die Grenze nach Peru zu überqueren. Was für ein Chaos aus Händler und ihren improvisierten Ständen, vollbeladene Fahrradtaxis und überall Menschen, die in alle Richtungen strömten. Wir schoben uns irgendwie zur Migración Bolivia und holten uns von einem unmotivierten Beamten den Ausreisestempel, quetschten uns weiter auf die andere Seite der Brücke und reihten uns in die Schlange vor der Migración Peru ein. Zwei Schalter waren geöffnet, wobei ein Beamte noch Privatgespräche am Handy führte und die anderen zu dritt blödelten und nebenbei ein paar Einreisestempel vergaben. Wir bekamen den nötigen Stempel ganz ohne Kontrolle, weder von uns noch von unserem Gepäck. In dem Menschenchaos war es nicht ganz einfach, unseren Bus wiederzufinden, aber wir hielten uns an die israelischen Gruppen.

Am Nachmittag trafen wir schliesslich in Puno ein. Uns sind sofort die freundlichen und offenen Menschen aufgefallen, die uns anlachten, uns neugierig auf unsere Herkunft oder unseren Meinung zu ihrem Land befragten. Da haben wir die Bolivianer um einiges reservierter und zurückhaltender erlebt. Puno nennt sich selber Folklore-Hauptstadt Perus und bezaubert vor allem durch seine malerische Lage am Titicacasee. Für uns der ideale Ausgangspunkt, um zwei Inseln zu besuchen. Als besonders speziell gelten die Islas Flotantes (schwimmende Inseln) der Uro sowie die traditionellen Inseln Taquile oder Amantaní. Die schwimmenden Inseln wollten wir unbedingt sehen und weiter entschieden wir uns für Taquile, da man die beiden in einen Tagesausflug packen kann.

Der Titicacasee liegt auf 3800m über Meer und ist damit der höchste schiffbare See der Welt. Der Name, der im Deutschen auch schon zu Witzen animiert, stammt einer Legende nach aus den Aymara-Wörtern „titi“ (Puma) und „kaka“ (grau) oder aber „karka“ (Felsen), also dass der erste Inka über den Pumafelsen auf die Sonneninsel im See gestiegen ist. Der Titicacasee gilt als Geburtsstätte der Inka.

Einen Fahrt zu den Inseln wollten wir nicht über ein Reisebüro buchen, sondern wir haben selber den Hafen aufgesucht und mit dem Kapitän direkt Transport und Preis verhandelt. Schliesslich einigten wir uns auf 25 Soles pro Person (ca. 7.85 CHF) für einen Tagesausflug. Unser Bootsunternehmen wurde von Bewohnern der Insel Taquile geführt und wir hatten grosses Glück, weil wir mit ihnen nicht nur die touristische Sicht erhielten, sondern einen Einblick in das wirkliche Leben der „Wassermenschen“ vom Titicacasee bekamen. Die Uro begannen ihre schwimmenden Inseln zu bauen, um sich vor den kriegerischen Inka zurückzuziehen. Sie waren eines der wenigen Völker, das sich nie von den Inka unterwerfen liess. Der letzte reinrassige Uro starb laut Reiseführer in den Fünfzigerjahren. Heute versuchen Nachfahren die Lebensweise und Traditionen noch weiter zu bewahren, jedoch mehr für den Tourismus als ihretwillen.

Die meisten Touren führen zu einer Gruppe von Schilfinseln direkt vor der Küste, die wie ein Freilichtmuseum aufgebaut sind und wo die so genannten Bewohner jeden Morgen von Puno hingeschifft werden, um Theater zu spielen und möglichst viele der Souvenirs an die Bootsladungen voller Touristen zu bringen. Alles kostet, selbst für das Betreten der Insel wird dem Besucher 5 Soles Eintritt abgeknöpft. Wir hingegen sind fast anderthalb Stunden mit dem Boot gefahren, bis wir schliesslich eine kleine Gruppe von drei schwimmenden Insel ansteuerten und auf einer anlegten, als das Oberhaupt der sechs Familien, die dort lebten, uns die Erlaubnis gab, ihr „Land“ zu betreten.

Weich fühlte sich der Untergrund mit den vielen Schilfschichten an und am Rande der schwimmenden Insel geriet die Masse ins Schwanken und warf Wellen auf. Unsere Insel war mit Seilen am Grund des Sees befestigt, damit sie nicht unkontrolliert auf dem See herumgondelt und womöglich noch auf bolivianisches Gebiet abdriftet.

Die Inseln bestehen aus schwimmenden Schilfwurzelblöcken und darauf kreuzweise geschichtete Totora-Schilfrohre. Selbst die Hütten und die Boote sind aus Schilf gebaut und das Innere des Schilfrohrers, reich an Jod, lässt sich auch essen, wie wir selber gekostet haben. Die Uros leben vom Tauschhandel mit dem, was der See hergibt, doch der Fischfang reicht seit der Einführung der Forelle im Titicacasee kaum mehr zum leben. Ausserdem nutzen die Uros das Schilf zum Herstellen von Handwerksware, stellen Webwaren her, denn heute sind sie auf Einkünfte durch den Tourismus angewiesen.

Wir habe uns noch erkundigt, wie das denn mit dem Klo aussieht. Nun, für „Pipi“ zielt man einfach über den Inselrand und für „Cucu“ muss man von der Insel weg rudern, wurde uns gesagt. Ihre Friedhöfe befinden sich an Land. Ja, eine interessante Lebensweise, obwohl wir uns ein Leben mit sechs Familien auf einer ungefähr 80m2 grossen Insel doch etwas beengend vorstellen.

Von der schwimmenden Insel sind wir weitere anderthalb Stunden zur Isla Taquile getuckert. Die 5,5km langer und 1,6km breite Insel lebt neben dem Tourismus von der Landwirtschaft, auf den Terrassen werden Kartoffeln, Getreide, Gemüse und Obst angebaut sowie ein paar vereinzelte Schafe oder Kühe gehalten. Die 2000 Bewohner sind Nachkommen der Quechua und tragen zu einem grossen Teil noch ihre traditionelle Kleidung, wobei man an den Wollmützen der Männer erkennen kann, ob diese noch Junggesellen oder schon vergeben sind oder in der Gemeinde eine höhere Funktion inne haben. Bei den Frauen ist dies an der Farbe des Rockes abzulesen. Die Mädchen tragen bunte Röcke, schwarz tragen die Verheirateten, ein rotes Oberteil bedeutet eine höhere Position in der Hierarchie. Frauen und Männer kümmern sich gleichermassen um die Bestellung der Felder, die Frauen weben, die Männer stricken und diese Art von Textilien ist UNESCO Weltkulturerbe. Angeblich müssen die Männer mit ihren eigens gestrickter Mütze den Schwiegervater in spe beeindrucken, bevor dieser seine Erlaubnis zum Heiraten gibt.

Wir kamen ganz schön ins Schnaufen beim Treppensteigen auf die Insel. Die dünne Luft in dieser Höhe sind wir uns nach wie vor noch nicht gewöhnt. Im Restaurante Comunal, wo alle zwei Wochen eine andere Familie kocht, assen wir eine feine Quinoa-Suppe und eine Forelle aus dem Titicacasee und genossen dabei die Aussicht, die bis zur verschneiten Cordillera Boliviens reichte. Kinder scharten sich neugierig um uns und obwohl sie wahrscheinlich vor allem auf einen Zustupf in Form von Münzen hofften oder uns ihre selbst geknüpften Armbändchen verkaufen wollten, hatten sie grossen Spass daran, als wir nach dem Essen mit ihnen mit dem Ball spielten. Die Rückfahrt nach Puno dauerte mit unserem langsamen Boot drei Stunden, wir trafen erst bei Dunkelheit ein.

Nun führt unsere Reise nach Cuzco, einstige Inka-Hauptstadt und weltberühmt mit ihrem Macchu Picchu. Mal schauen, ob es uns gelingt, diesen fern der abgetrampelten Touristenpfade zu erklimmen und wo es uns sonst noch hinverschlägt in Peru! Patrick möchte wieder etwas mehr „Abenteuer“ haben!

Miriam y Patrick

6 Kommentare
  1. Diana
    Diana sagte:

    Was für ein super schönes, ausdrucksstarkes Foto mit den bolivianischen Kindern! Ganz toll! Damit könnt ihr jeden Fotowettbewerb gewinnen! Ich bin begeistert… wer von euch beiden ist der Meisterfotograf?
    Liebe Grüße aus dem sonnigen Lübeck nach Peru (wenn Du meine verschollene Brieffreundin Karla finden solltest, sag bescheid Miriam…),
    Diana

  2. Miiiss
    Miiiss sagte:

    sooo schön.. und so vieles kommt mir bekannt vor! Geniesst eure Zeit in Südamerika!
    :-*

  3. Patrick
    Patrick sagte:

    Miriam ist der Meisterfotograf. Die Fotos werden je länger wir unterwegs sind desto besser. Mein Spezialgebiet ist Unterwasser.
    Die Kamera ist auch absolute Spitzenklasse, sehr empfehlenswert. Canon G9….jetzt schon bei G12.
    Grüsse

  4. Diana
    Diana sagte:

    Alles klar, klasse. Dann hat sich die Reise ja auch in dieser Hinsicht gelohnt. 😉 Werde den Tipp mit der Kamera auch meinem hiesigen Meisterfotografen weiterleiten.
    Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß!

  5. yo
    yo sagte:

    kann mich betreffend fotis nur anschliessend… und wie leeeeeeeeehrreich eure berichte doch sind…!!! einfach toll:-D!!!

  6. myp
    myp sagte:

    Muchas gracias! Die Kinder auf Taquile waren teilweise schon etwas „Tourismus-verdorben“. Sie kamen auf einem zu und fragten von sich aus, ob man ein Foto von ihnen knipst (das machen viele Kinder auf der Welt so, meistens aber aus Spass). Tut man das, streckten einige auf Taquile die Hand aus und sagen „Un Sol!“ Wir haben dann zu erklären versucht, dass wenn sie Geld dafür möchten, müssten sie die Bedingungen im Voraus stellen. Sie haben dann ganz erstaunt geschaut :-). Weil schlecht geht es ihnen dort bestimmt nicht bei der Menge Touristen jeden Tag….

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