Mit (unseren) Kindern unterwegs in Myanmar

Myanmar ist nicht das typische Reiseland mit Kindern, aber durchaus machbar. In den zwei Wochen unterwegs sind wir keiner anderen Westener-Familie mit so kleinen Kindern begegnet. Dies erklärt sicher auch die Reaktionen der Einheimischen auf unsere beiden Viereinhalb-Jährigen. Die Menschen blieben stehen auf der Strasse, wenn wir vorbei liefen. Bei Tempelbesuchen oder in Pagoden scharten sich ganze Gruppen um uns, schüchtern lächelnd und fasziniert unsere Kinder betrachtend. Vor allem der Blondschopf Alexis zog die Aufmerksam auf sich. Wenn sein Blick aus den stahlblauen Augen dann noch auf ihren traf, hielten sie beinahe die Luft an vor Faszination.

In Myanmar sind die Menschen viel zurückhaltender und ruhiger als beispielsweise in Thailand. Der Umgang mit «Fremden» ist noch nicht alltäglich. So schauten sie meistens zuerst verstohlen und schüchtern zu uns und unseren Kindern. Wenn wir ihnen dann ein Lächeln zuwarfen, ihnen zunickten oder ein «Hello» in ihre Richtung riefen, erstrahlte ihr Gesicht im breitesten Lächeln. Wer ein Handy hat – was in Myanmar noch lange nicht so allgegenwärtig ist wie sonst in Südostasien – fragte, ob er uns fotografieren durfte. Am liebsten mit Alexis auf dem Bild, der diesbezüglich inzwischen auch lockerer geworden ist und meistens gerne zur Verfügung stand. Wir sind bezüglich Fotos von unseren Kindern offen, überlassen aber den Entscheid jeweils ihnen, ob sie gerade posieren wollen oder nicht.

Unsere Kinder wurden in Myanmar auch nicht einfach angefasst oder an sich gezogen, wie wir das in anderen asiatischen Ländern erlebt hatten. Da das Anfassen am Kopf eines Menschen in Myanmar als respektlos gilt, wurden die Kinder auch nicht immer berührt. Und wenn, beispielsweise nach gefasstem Vertrauen über mehrere Tage im gleichen Hotel, dann ganz sanft mit dem Zeigefinger am Kinn, um den Blick des Kindes in ihre Richtung zu lenken.

In Myanmar haben wir besonders auf die Hygiene geachtet und nur in Restaurants gegessen, wo Shakes oder Eis mit Flaschen-/Mineralwasser hergestellt und Rohkost damit gewaschen wurde. Auf den Streetfood, wie wir ihn sonst in Asien lieben, haben wir ganz verzichtet. Zum Zähneputzen haben wir sowieso überall in Südostasien nur Wasser aus der Flasche benutzt. So sind wir ganz ohne Magenprobleme durch das Land gekommen – was nicht selbstverständlich ist, wie im Austausch mit anderen Reisenden klar wurde.

Auch Unterkünfte haben wir eher bessere und teurere gewählt, wobei sich alles im Rahmen von ca. 50 CHF pro Übernachtung mit Frühstück bewegte für uns zu viert. Budget-artige Hostels gibt es erst wenige in Myanmar. Und für vier Personen wären diese nicht viel günstiger. Auch beim Transport haben wir die teurere Privat-Taxi-Option gewählt statt die günstigeren und viel längeren Busfahrten. Auch da gilt, dass ein Privat-Taxi nicht viel teurer ist als vier Sitze in einem VIP-Bus (Air-Con-Minibus oder Bus mit höherem Standard). So kostete beispielsweise das Taxi für die 6-stündige Fahrt von Inle Lake zurück nach Mandalay umgerechnet 85 CHF – immer von Hoteltür zu Hoteltür. Dabei ist unser Taxi-Driver schon gefahren wie ein Henker und wir haben in den Bergen auch Busse gesehen, die im Höllentempo völlig rücksichtslos die gefährlichsten Überholmanöver versuchten. Absolut gefährlich und wir waren jeweils froh, mit unseren Kindern in einem «geschützten» Auto zu sitzen. Ganz abgesehen von den Platz- und Hygieneverhältnissen in manchen Bussen.

Ja, Myanmar ist noch sehr ursprünglich und traditionell, besonders die Lebensweise der Bevölkerung auf dem Land. Aber gerade das hat uns so gut gefallen und war auch für die Kinder faszinierend. Ethisch gibt es sicher Dafür und Dawider, ein von einer Militär-Junta regiertes Land zu besuchen, wo die Menschenrechte nicht selbstverständlich sind. Sichtbar waren solche Verstösse im Alltag nicht und für Kinder sowieso noch nicht fassbar oder erklärbar. Eine Konfrontation mit der grossen Armut im Land ist aber unausweichlich, wenn Kinder auf der Strasse betteln, Menschen im Müll nach Essbarem und Brauchbarem suchen oder am Strassenrand schlafen.

Myanmar wird sich nach und nach öffnen und weiterentwickeln, wer genau hinschaut oder mit den Menschen spricht, bemerkt die chinesischen Einflüsse jetzt schon. So sind wir sehr dankbar, konnten wir dieses wunderbare Land noch so kennen lernen, erleben und unseren Kindern zeigen.

 

Aus der Apotheke gebraucht haben wir:

– sämtliche Mückenschutzmittel (niemand will Malaria oder Dengue riskieren)

– Fenistil und Feniallerg bei einem Bienenstich in Nicolas Fuss (mieses Karma? Der dritte Bienenstich innerhalb einer Woche bei Nicola!)

– Bebanthen-Salbe zum Nachbehandeln einer Brandwunde, die sich Nicola beim Klettern auf einen Bagger geholt hatte. Bei 40°C im Schatten heizen sich Metallteile so sehr auf.

– Merfen-Spray und Pflaster zum Schützen einer Schnittwunde (Taschenmesser) an Nicolas Zeigefinger und Schürfungen von einem Sturz von Alexis

Ansonsten sind wir zum Glück gesund geblieben. Ein Malaria- oder Dengue-Verdacht hätte die sofortige Ausreise nach Thailand bedeutet, denn in Myanmar ist die gesundheitliche Versorgung für etwas Schlimmeres kaum vorhanden.

 

Aus dem Reisealltag

Am Morge früh
Nicola: Wenn esch dSonne offe?
Miriam: Wie meinsch das, dSonne esch offe?
Nicola: Jo, es heisst jo «Sonneufgang» ond wenn öppis ufgoht, de esch es jo de offe.

Unterwegs im Auto
Alexis: Mini Brüschtli send grösser worde!
Nicola: Jo, weisch, Alexis, der het doch ide Nacht mou sBei weh do, wöu du wachsisch. De send secher ou Brüschtli gwachse!
Alexis: Jo, weni grösseri Brüscht öberchome, werdi stärcher. Wie de Superman!
Nicola: Jo, de het mega Brüscht!

Unterwegs im Pferdewagen
Miriam: Lueget, dört im Riisfäud: e Sidereiher!
Alexis: Was esch e «Zigeretter»?
Miriam: Ned e «Zigeretter», e «Sidereiher». Wie de Fischreiher be öis, aber e wiisse, fiinere. Die het de Goi gärn.
Nicola: Wott er die ned go jage?
Miriam: Nenei, die send ganz säute. Die muess me beschütze.

Unterwegs im Pferdewagen
Nicola: Lueg jetzt! Es chont! Es chooooont!
Alexis: Jo, jetzt lüpfts gad de Schwanz!
Nicola: Ond jetzt chont sRohr use, lueg!
Alexis: I gseh scho sGaggi! Jetzt chonts de gad!
Nicola: Joooo, jetzt, lueg, wie dWorscht usem Rohr chont!
Alexis: Jetzt esch sGaggi abegheit ond es esch scho dore.
Nicola: Jo. Jetzt warte mer weder, bes snöchschte Mou de Schwanz löpft. Es het jo vori vöu Gras gfrässe.
Alexis: Genau, jetzt warte mer.

In der Pagode
Nicola: Mami, i ha no bem Buddha bättet.
Miriam: Aha, guet. Hesch ihm öppis Schöns gseit?
Nicola: Jo, i ha ihm Danke gseit för die schöni Wäut ond das schöne Land ond si schöni Tämpu. Het er de Fröid, wenn er das ghört?Miriam: Jo, do het er secher Fröid.
Nicola: Duet er de ou luege, dass mi nöm so vöu Bienli stäche?

Nach dem Tempelbesuch
Alexis: Mami, a dere Steischlüüdere hani jetzt so Fröid ond gebe fescht Sorg!
Miriam: Das esch schön!
Alexis: Aber i cha haut noni so guet schüsse.
Miriam: Das macht jo nüt, das chasch jo no üebe ond lehre.
Alexis: Genau, i chome jo scho gli id Schueu ond de lehri de das!
Miriam: Das lehrt me ned wörklech ide Schueu…

Abends vor dem Einschlafen
Alexis: Mami, muessi ned Mönch wärde spöter, weni ned wott?
Miriam: Nei, wenn du ned wotsch, muesch ned. Aber wenn du möchtisch, chasch spöter ou Mönch wärde.
Alexis: Cha de Papi ou Mönch wärde?
Miriam: Chönt er scho, wenn er wett. Aber er het jo öis as Familie ond esch vellecht afe chli aut. As Mönch muess me lang id Schueu ond vöu lehre.
Alexis (überlegt kurz): De Papi wär as Mönch ömu no e Schöne!

Inle Lake – bei den einbeinigen Fischern

Eine Tagesfahrt von Bagan entfernt liegt hinter den Bergen der Inle-See. Die Landschaft ist ganz anders, hügeliger und grüner als in Bagan.

Wir entschieden, am Inle Lake noch einmal fünf Nächte zu verbringen. Als einzige Gäste waren wir im sehr familiären PY1 Hotel in Nyaung-Schwe untergebracht. Jeder andere hätte diese Unterkunft gemieden, weil gerade umgebaut wurde. Aktuell wurden auf dem Vorplatz neue Tische und Stühle aus Massivholz gezimmert. Perfekt mit unseren Kindern. Denn wer braucht einen Pool oder einen Spielplatz, wenn es eine Baustelle mit allerlei Werkzeug gibt, wo die Kinder nach Herzenslust hämmern, sagen und spielen können? Zusammen mit dem Hahn, den Hühnern und der Küken des Nachbarn, die allmorgendlich vorbeikamen, um in den Holzspänen nach Futter zu scharren. Über die schlechte Internetverbindung und täglich mindestens ein Stromausfall in ganz Nyaung-Schwe konnte man getrost hinwegblicken, denn das scheint überall in Myanmar so zu sein.

An einem Morgen waren wir auf dem lokalen Markt von Nyaung-Schwe, wo noch per Fusspedal betriebene Singer-Nähmaschienen in Betrieb sind oder Feuerzeuge repariert und wieder aufgefüllt werden, die bei uns längst im Abfall landen. An einem anderen Tag haben wir uns von einem Pferdewagen durch die Gegend kutschieren lassen und dem Alltagsleben in den Dörfern zugeschaut. In ein Waisenhaus haben wir ausgediente Kleider und Spielzeug der Zwillinge gebracht sowie Süssigkeiten verteilt. Und in der Red Mountain Winery mit Blick auf den Inle-See den dort produzierten Sauvignon Blanc probiert, der wider Erwarten ziemlich gut schmeckte. Wir haben ein traditionelles Marionetten-Theater besucht, das bereits in der vierten Generation so betrieben wird.

Jeden Abend zogen religiöse Prozessionen durch Nyaung-Schwe, die in der Vollmondnacht mit Laternen und Feuerwerk ihren Höhepunkt fanden. Während für Alexis der Lärmpegel viel zu hoch war, trug Nicola stolz die ihm übertragene Laterne zusammen mit den anderen Kindern bis zum Tempel, wo die Kerze dann in eine kleine Mauernische gesetzt wurde.

Balance-Akt am Inle Lake

In der Gegend des Inle-Sees ist das Leben natürlich vorwiegend auf das Wasser oder den damit zusammenhängenden Tourismus ausgerichtet. Die Häuser in See- und Kanalnähe stehen auf Pfählen, auf schwimmenden Feldern gedeihen Tomaten, Gurken und Auberginen, Fortbewegungsmittel sind die hölzernen Langboote.

«Die händ jo glich zwöi Bei!» Nicola und Alexis waren zuerst einmal enttäuscht, dass der Name der einbeinigen Fischer auf dem Inle-See von der Ruder-Technik herrührt, bei der sie auf einem Bein balancieren. Die Vorstellungskraft der Kinder war schon viel weiter, dass es in Myanmar eben auch Landminen gäbe und auf dem Inle-See die Fischer mit einem abgerissenen Bein oder piratenähnlich mit einem Holzbein fischen würden. Nicht ganz.

Diese einzigartige Fischer-Technik auf dem Inle Lake wurde vom Intha-Stamm über Generationen weitergegeben. Mit einem Bein balancieren die Männer am Heck ihres Langbootes, während sie mit dem anderen Bein das Ruder halten und so das Boot dirigieren und trotzdem beide Hände frei haben. Denn beide Hände brauchen sie auch, um das Netz auszuwerfen und wieder einzuziehen oder eben aus diesem die Fische zu befreien.

Früher war es noch der trichterartige Netzkorb, der reichlich Fisch einbrachte. Heute sind die Fischbestände im See offenbar soweit zurückgegangen, dass mit längeren und tiefer hängenden Netzen auf die kleineren Fische gefischt werden muss. Dabei holen die Fischer mit ihrem Ruder weit aus und schlagen auf die Wasseroberfläche, um die Fische in ihr Netz zu jagen. Und wenn man die kleinen, jungen Fische aus dem Wasser holt, können diese gar nicht erst zu grossen Fischen heranwachsen und wieder Nachwuchs produzieren und so weiter und so fort. Wo dieses Ungleichgewicht hinführen wird, ist relativ klar. Also im übertragenen Sinne ein weiterer Balance-Akt aus natur- und umwelttechnischer Sicht am Inle Lake.

Handwerk auf dem Inle Lake

Trotzdem: das unterwegs sein auf dem Inle Lake hat uns allen sehr gut gefallen. Nebst den Fischern und dem Alltagsleben in den Pfahldörfern entlang des Sees konnten wir wieder einige spannende Handwerksbetriebe besichtigen. Zum Beispiel haben wir gelernt, dass nebst Seide in noch viel mühseliger Arbeit auch aus der Lotus-Pflanze ein Garn hergestellt werden kann. Die langen Pflanzenstängel werden aufgeschlitzt und hauchdünne Fasern herausgezogen. Diese werden nass aufeinandergelegt. Zusammengerollt und getrocknet ergeben sie dann ein Garn, mit dem kostbare Schals oder heilige Mönchsroben gewoben werden.

Bei den Silberschmieden waren wir ebenfalls. Und bei den Frauen, die Zigaretten und Zigarren herstellen – diesmal mit richtigen Tabakblättern, einmal in süsser und in herber Note. Im Dorf der Töpferinnen durfte Nicola selbst ein Schälchen töpfern. Alexis hantierte währenddessen lieber mit einer irgendwo ausgegrabenen Steinschleuder der Dorf-Kinder.

Wir haben auch die Web- und Nähkunst der so genannten Longneck-Frauen bestaunt. Wobei uns nicht ganz klar ist, warum es diese Longneck-Tribes in Laos, Thailand und nun auch Myanmar gibt? Auf dem Inle-See wohl mehr aus Kommerz- als aus Kulturgründen. Faszinierend war es trotzdem, gerade auch für unsere Zwillinge. Die stolzen «Langhals-Frauen» tragen von Kindheit an schwere, vergoldete Ringe um den Hals, die mit jedem Jahr erweitert werden. Durch das Gewicht des Metalls werden die Halsknochen und die Rippen heruntergedrückt, so dass es zu dieser Körperdeformation kommt, die bei diesem Volk als Schönheit gilt. Die Entfernung der Ringe würde zu einem Bruch des Halses führen, weil der Kopf gar nicht mehr aus Eigenkraft getragen werden kann. Bei unserem Besuch war eine 63-jährige Longneck-Frau vor Ort, deren viele Halsringe über 20kg wiegen. Dieser Anblick war dann doch unheimlich für unsere Kinder und Nicola traute sich erst nach Zögern in ihre Nähe.

Gold-Pagoden und Katzen-Kloster

Wir sind zur Indein-Pagode hochgewandert und haben die vielen Stupas aus Stein bewundert, einige davon weiss gestrichen oder mit Goldfarbe überzogen. Bei der «Monastery of Jumping Cats» springen zwar heute die Katzen nicht mehr durch Reifen, wie diese früher von Mönchen dressiert wurden, aber Katzen haben wir immer noch viele angetroffen in diesem Kloster. Grund genug, für uns dort etwas länger zu verteilen und wieder einmal ausgiebig mit Katzen zu schmusen.

Was uns jeweils seltsam erschien, waren die jahrmarktähnlichen Verkaufsstände rund um die grösseren und gut besuchten Tempel und Pagoden in Myanmar. Bis zum Eingang einer Anlage kämpfte man sich zuerst an zig Ständen vorbei, wo allerlei Kleider, Schmuck, Schnitzereien und andere Souverirs zum Verkauf angeboten werden. Doch nicht nur das, auch Dolche, Pfeilbogen, Steinschleudern und Plastikspielzeuggewehre. Wie geht das mit dem buddhistischen Glauben einher? Nicht wirklich, fanden Patrick und ich. Toll, fanden es natürlich Alexis und Nicola, denn sie sahen darin überhaupt die Motivation zum Tempelbesuch. Und natürlich haben wir jetzt auch zwei handgefertigte Holzsteinschleudern mit im Gepäck.

Vom Inle Lake geht es auf einer Tagesreise zurück nach Mandalay. Dort bleiben wir eine Nacht im gleichen Hotel wie bei unserer Ankunft. Am nächsten Tag geht es bereits wieder zum Flughafen und zurück nach Thailand.

Voller Erinnerungen an die Schönheit des Landes verlassen wir Myanmar: Miriam Patrick Nicola Alexis

Bagan – Tausend Tempel, Kloster und Pagoden

Wenn es in dem touristisch noch nicht sehr etablierten Myanmar ein Muss-Reiseziel gibt, dann ist dies Bagan. Die historische Königsstadt Bagan reizte auch uns mit magischen Fernweh-Bildern von Tempel- und Pagodendächern im verschwommenen Licht eines Sonnenuntergangs.

Und so hatten wir bereits im Vorfeld eine Unterkunft sogleich für sechs Nächte reserviert. Zur heissesten Zeit des Jahres, wo das Thermometer fast jeden Tag bis jenseits der 40-Grad-Marke steigt, war nebst der Sicherheit, Sauberkeit und dem Preis unser weiteres Kriterium bei der Hotelauswahl: ein Pool. Und so sind wir auf das Lotus Bagan gestossen. Dass es etwas ausserhalb des Zentrums lag, war uns bewusst, aber so abseits von allem … Der Ort Nyaung-U war 20 km auf einer fast einsamen Strasse weit weg, Old Bagan und New Bagan noch weiter.

Schnell war klar, dass wir für unsere Unabhängigkeit einen eigenen fahrbaren Untersatz benötigten. Und so mieteten wir sogleich für die ganze Zeit zwei chinesische Elektro-Scooter (5 CHF am Tag), was auch sehr praktisch war für die Erkundigung der Tempel in der Region. Jeden Tag düsten wir damit in den Morgenstunden los Richtung Tempelebene, erkundigten diese auf eigene Faust, assen in Nyaung-U eine Kleinigkeit zu Mittag und düsten wieder zurück zum Hotel, um die Hitzestunden des Nachmittags im gekühlten Zimmer oder im lauwarmen Pool zu verbringen.

Gegen Abend stiegen wir auf die Elektro-Scooter und zogen wieder los für weitere Tempel-Erkundigungen zum Sonnenuntergang, Einkäufe, Wäsche besorgen, Informationsbeschaffung (das Internet im Hotel funktionierte nur sporadisch) und Nachtessen in Nyaung-U. Um danach ohne Strassenbeleuchtung bei schwärzester Dunkelheit die 20 Kilometer wieder zum Hotel zurück zu fahren. Ohne hörbaren Motor bei fast gespenstischer Stille, zog sich die Strecke sehr in die Länge. Nur ab und zu brauste ein anderer Elektro-Scooter oder ein Motorrad mit Einheimischen an uns vorbei oder ein Sammeltaxi oder ein röchelnder Nachtbus auf dem Weg nach Yangoon.

Magie aus Tempeln, Pagoden und Stupas

Nach Bagan reist man einzig und allein wegen der Tempel. Auf einer fast 40 Quadratkilometer grossen Grasfläche wurden zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert mehr als 5000 religiöse Gebäude aus Ziegelstein und Holz errichtet. Zerstörungen, Plünderungen, Erdbeben (das letzte noch gut sichtbare vom August 2016) und den Zahn der Zeit überstanden haben rund 900 Tempel, 500 Stupas und 400 kleinere und grössere Klosteranlagen. Diese können nach Entrichten einer Gebühr von 20 US-Dollars («only foreigners») ganz frei besucht und alleine erkundigt werden.

Ziel- und planlos waren wir all die Tage in Bagan unterwegs. Wir haben nicht nach dem grössten, goldenen, höchsten oder beliebtesten Tempel gesucht, sondern sind einfach mit den Elektro-Scootern herumgekurvt und sind irgendwo abgebogen, wenn wir ein Weg sahen. Geteert ist nur die Hauptstrasse zwischen den Orten. Dazwischen führt ein Labyrinth aus kleineren und grösseren Sand- und Erdpisten durch die ausgedörrten Grasflächen und Äcker.

Immer wieder hatten wir Tempelanlagen und Stupas ganz für uns alleine oder aus einem aus Palmblätter geflochtenes Haus direkt daneben kam ein Einheimischer auf uns zu und fragte, ob wir den Schlüssel benötigten (falls überhaupt abgeschlossen war) oder ob wir etwas Kühles trinken mochten. Obwohl wir immer einige Liter Wasser mit uns führten, haben wir jeweils gerne eine frische Kokosnuss, eine Dose Sprite oder noch mehr Wasser gekauft, um die lokale Bevölkerung so auch zu unterstützen. Meistens sind es auch diese Nachbarn, die den Tempel sauber halten.

Einige der von uns besuchten Stupas oder Tempel lagen aber auch ganz einsam und waren von dürrem Gras, Dornenranken oder leuchtend pinkem Bougainvillea überwachsen. Die Zwillinge konnten nach Herzenslust entdecken und spielen. Genügend Stöcke und Steine und auch schon mal ein alter Reifen fanden sich immer und viel mehr brauchen Nicola und Alexis nicht, um ganz in ihrem Spiel zu versinken.

Barfuss erkundigten wir die Steingebäude, staunten über uralte Wandmalereien, fuhren mit dem Finger verschnörkelten Reliefs im Stein entlang, entdeckten in Steinnischen auch kleinste Buddhas. Besonders aufregend fanden wir die «Geheimgänge». Ganz enge, niedere Treppenaufgänge führten in manchen Tempeln auf eine schmale Aussichtsplattform hoch. Der Ausblick von dort oben war atemberaubend, besonders zum Sonnenauf- oder Sonnenuntergang! Tempelspitzen ragten überall um uns herum aus der flachen Grasebene hinaus. Manchmal waren noch andere Reisende mit uns auf dem Tempeldach, manchmal genossen wir diese magischen Momente ganz für uns allein – so lange unsere kleinen Abenteurer eben stillsitzen konnten und nicht anfingen, auf dem Tempeldach «Versteckis» oder gar «Fangis» zu spielen. Das wurde dann doch zu gefährlich und wir stiegen die Geheimgänge oder steilen Treppen wieder herab.

Mit den E-Scootern so alleine unterwegs, sind wir natürlich auch auf den einen oder anderen Müllberg gestossen (wobei sonst Bagan wirklich im Vergleich zu anderen Orten in Asien sauber ist). Wir haben kleinere Siedlungen besucht, den Jungen beim Fussball zugeschaut, mit Mädchen Blumen gegen Ballone getauscht, ausgediente Kleider und Spielzeug verteilt sowie Hotelseifen und -zahnbürsten verschenkt. Von einer jungen Frau haben wir uns ihr Dorf zeigen und erklären lassen, wo es erst seit zwei Jahren Strom und seit Kurzem fliessendes Wasser in den Dorfbrunnen gibt. Die Männer kauten und spuckten Betelnuss-Päckli und die alten Frauen rauchten dicke Stumpen aus Maisblättern gefüllt mit Palmholzraspeln und Tabak. Ochsenkarren sind immer noch das Haupttransportmittel. Aus angebautem Sesam und Erdnüsschen wird ebenfalls mit der Kraft der Ochsen Öl gepresst. Ja, in Myanmar ist die Zeit noch eine andere, wobei auch diese Uhren wohl immer schneller ticken.

Wir sind dankbar, das Land und seine Menschen noch so kennen lernen zu dürfen: Miriam Patrick Nicola Alexis

Mandalay – Here we are, Myanmar!

Mandalay – allein der Klang dieses Namens löst Fernweh aus.

Nach einem holprigen und mit Air Asia zum ersten Mal unpünktlichen Flug waren wir froh, in Mandalay wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Durch den Zoll kamen wir mit unseren ausgedruckten E-Visa problemlos und auch diesmal schafften es unsere grossen Rucksäcke verlässlich auf das Gepäckband.

Im Bus sind wir eine Stunde bis ins Stadtzentrum gefahren. Schon auf dieser Strecke zeigte sich klar, dass sich Myanmar noch auf einem anderen Entwicklungsstand befindet als die bisher bereisten Länder. Ochsenkarren zogen schwere Lasten entlang der Strasse, wo nur wenige Autos, Busse oder Motorräder fuhren. Durch das Fenster sahen wir einen Umzug mit bunt geschmückten Ochsenkutschen und sogar ein schön dekorierter Elefant, auf dem ein kleiner Junge wie ein Prinz tronte. Später erfuhren wir, dass diese religiöse Zeremonie dem Jungen auf dem Elefanten galt, weil dieser nun für eine Weile als Mönch in ein Kloster geht. Alle Jungen oder Männer in Myanmar verbringen mindestens einmal im Leben eine gewisse Zeit im Kloster. Das ist doch mal eine gute Alternative zum Militär!

Unser Hotel namens «The Home» befand sich mitten im Zentrum der 1.5 Millionenstadt. Vor unserem Fenster nisteten die Stadttauben und das hohe Fiepen der Jungtiere war bis in unser Zimmer zu hören. Am Tag unserer Ankunft reichte die Zeit gerade mal noch für einen Spaziergang um den Block und ein Nachtessen bei einem nahen indischen Restaurant. Der von Betelnuss-Ausspucken rot gefärbte Boden, die hunderte von Fliegen überall und dass unser bestelltes Essen innert einer Minute auf dem Tisch stand, liessen bei dieser Mahlzeit gewisse Zweifel aufkommen. Wenn wir dieses Nachtessen ohne Magendarm-Folgen überstehen sollten, dann sind unsere Mägen stabil für Myanmar, sagten wir uns. Alle vier haben es «sauber» geschafft.

Mandalay – Betonstadt und goldene Tempel
Die einstige Königsstadt Mandalay ist heute ein wichtiges Wirtschaftszentrum von Myanmar. Nichtsdestotrotz sucht man Wolkenkratzer im Stadtbild (noch) vergebens. Schlichte mehrstöckige Betonbauten dominieren das Zentrum. Weil unsere Jungs in den Städten zu Fuss immer recht unmotiviert sind, liessen wir uns von einem Taxi-Fahrer die Stadt zeigen.

Mandalay gilt als Zentrum des Handwerks, jede Handwerkszunft hat ihr Viertel. Wir besuchten die Holzschnitzer, die aus dem harten Teakholz Buddha-Statuen und ganze Bilder fertigten. Den vom Steinstaub bedeckten Steinmetz sahen wir zu, wie sie aus weissem Marmor Figuren schliffen und mit Goldfarbe bemahlten. Jade wurde zu Schmuck verarbeitet, in Silberplatten ganze Geschichten von Hand beschlagen mit allerlei Werkzeug. Junge Frauen mit Thanakha-Paste auf den Wangen beugten sich über feine Närarbeiten. Mit Handarbeit und einfachen Werkzeugen braucht die Herstellung dieser Kunstwerke Tage, ja manchmal auch Wochen oder Monate. Aber es tut gut, zu sehen, wie in Myanmar die Handarbeit noch geachtet und wertgeschätzt wird, das Land ist noch nicht so sehr von billigem chinesischem Ramsch überschwemmt.

Alexis und Nicola gefiel es vor allem beim Silberschmied, wo sie mit Hammer, Meissel, Nägel und anderen Werkzeugen unter Anleitung selbst Hand anlegen durften.

Wir besuchten die Mahamuni-Pagode, wo gläubige Männer in langen Schlangen warteten, um einen uralten Buddha mit Blattgold zu bekleben. Die Frauen sind nicht zugelassen in diesen heiligsten Teil der Pagode. Sie durften sich draussen zum Beten hinknien und per Live-Übertragung auf Bildschirmen das Blattgold-Kleben mitverfolgen.

Wir besuchten den Mandalay Hill und Sagaing. Der ganze Hügel ist heilig und darf nur barfuss betreten werden. Das wurde zeitweise ziemlich heiss unter unseren Fusssohlen, wenn wir die vielen Treppenstufen aus Stein erklimmen wollten oder über weite Flächen schwarzen und weissen Marmorplatten gingen. Dort hiess es, entweder nur die weissen erwischen oder noch besser: Schatten finden.

Inwa
Über einen Fluss sind wir mit dem Fährboot nach Inwa getuckert. Abgeschnitten vom Festland, geht das Leben dort noch gemächlich seinen Gang und dem haben wir uns angepasst. Mit einem der vielen Pferdewagen, die direkt bei der Bootsanlegestelle warten, haben wir uns herumkutschieren lassen. Vorbei an Reisfeldern, wo gerade geerntet und das trockene Gras auf Ochsenkarren aufgetürmt wurde, über schmale und holprige Wege entlang Bananengärten und Kokospalmen. Wieder schauten wir einige Tempel, Kloster oder Ruinen an, wobei manchmal nur von aussen, da Nicola und Alexis seit Angkor eine «Tempel-Überdosis» haben. Dafür wurden wir sofort umringt von den Einheimischen, die wegen unserer Kinder von überall her gerannt kamen. Die Aufmerksamkeit ist uns mit Kindern unterwegs in Myanmar sicher!

Amarapura
Vor dem Mittag sahen wir den Novizen und Mönchen der Maha Gandayon Monastery zu beim Essen fassen. Es sollen mehr als tausend Mönche sein, die in diesem Klosterkomplex unweit von Amarapura leben. Täglich um 10:30 Uhr stellen sie sich in einer Zweierreihe an vor der Essensausgabe. Das war für uns sehr eindrücklich zu sehen und für unsere Kinder vor allem auch, weil alles fast in kompletter Stille ablief. Kein Schreien und Schubsen und schon vorher mit Essen beginnen. Erst nach einem laut gesprochenen Gebet kam Leben in die grosse Menschenmenge. Plötzlich tauchten ein paar kleine Kinder in zerlumpten Kleidern auf die bei den Mönchen um Essensgaben bettelten (und diese auch bekamen) oder sich zu den wenigen Touristen stellten. Die Bonbons von Nicola und Alexis rissen sie fast zu gierig an sich. Wobei schnell klar war, warum, denn von überall her tauchten immer mehr Kinder auf, die wir enttäuscht abziehen lassen mussten. Ja, Myanmar ist noch einmal eine Armutsstufe tiefer als unsere bisher mit den Kindern bereisten Länder.

In Amarapura schlossen wir den Tag dann auch wieder ab. Eine 1.2 km lange Brücke aus Teak-Holz führt über den Taungthaman-See. Auf dieser Brücke ohne Geländer war es mit den Kindern gar nicht einmal ungefährlich, denn mit uns waren so viele Einheimische unterwegs, dass es an manchen Stellen fast zum Gedränge kam. Vor allem wenn sich ein blutender Strassenhund durch die Menge schob, mit dem natürlich niemand in Berührung kommen wollte. Wir haben mit Blick auf die U-Bein-Brücke bei Sonnenuntergang noch eine frische Kokosnuss resp. ein Bier genossen.

Ja, die ersten Eindrücke von Myanmar lassen dieses Land zu einem unserer Lieblings-Reiseländer werden!

Wir freuen uns auf alles, was noch kommt: Miriam Patrick Nicola Alexis