Chilenisches Patagonien

Sonne, Wind, Regen und Schnee, aber auch karge Steppen, sattgrüne Wiesen, milchige Seen, steile Granitwände und spektakuläre Gletscherlandschaften: das ist Patagonien. Punta Arenas, Puerto Natales und der Nationalpark Torres del Paine bereisten wir als erstes.

Günstige Flugverbindungen haben meist einen zeitlichen Nachteil. Für unseren Flug hiess das, dass wir um Mitternacht am Flughafen in Santiago zu sein hatten und morgens um 5 Uhr in Punta Arenas eintrafen. Blöderweise hatten wir bei der reservierten Bed & Breakfast-Unterkunft keine Ankunftszeit angegeben und wir trauten uns nicht, um diese unchristliche Tageszeit alle Bewohner zu wecken. So haben wir uns noch zwei Stunden an einer Tankstellen-Snackbar sowie auf den windigen Strassen von Punta Arenas herumgetrieben, bevor wir Marisol vom B&B Magallanes herausk lingelten. Wir durften sogleich unser Zimmer beziehen und schliefen erst einmal ein paar Stunden, bevor wir uns Punta Arenas bei Tag anschauten.

Punta Arenas bezeichnet sich selber als südlichste Grossstadt der Welt. Früher galt sie als bedeutende Hafenstadt am wichtigsten Seefahrerweg, der Magellanstrasse. Seit der Eröffnung des Panamakanals ging diese Bedeutung jedoch verloren. Vom Aussichtspunkt La Cruz verschafften wir uns einen Überblick über den Ort mit etwas über 100’000 Einwohnern. Interessant fanden wir vor allem die Wegweiser in alle Himmelsrichtungen sowie den örtlichen Friedhof mit Gräbern und Mausoleen von englischen, portugiesischen, kroatischen und auch vielen deutschen und schweizerischen Siedlern.

Für uns war Punta Arenas nur eine Zwischenstation. Gerne wären wir auf die Insel Navarino gereist, um den Circuito de los Dientes zu bewandern. Doch die Transportoptionen per Flugzeug oder Boot erwiesen sich als derart umständlich und teuer und waren ausserdem für die folgenden zwei Wochen ausgebucht, dass wir uns entschieden, mehr Zeit für das übrige Patagonien zu nutzen. So fuhren wir mit dem öffentlichen Bus nach Puerto Natales. Dort fanden wir Unterschlupf im Hostal Kaweskar, einem der besten Unterkünfte auf unserer bisherigen Reise mit sehr netten Gastgebern, feinstem Frühstück (sogar mit Nutella!) und interessanten Reisenden aus aller Welt.

Puerto Natales gilt als Ausgangsort für sämtliche Aktivitäten im Nationalpark Torres del Paine und so bereiteten wir uns dort auch auf unsere Wanderung vor, dem Circuito W, wobei das W für die Zickzack-Form des Weges entlang der südlichen Ausläufer des Paine-Massivs steht. Fünf Tage und vier Nächte sollte diese Wanderung dauern. Wir packten unser Zelt, Schlafmatten, Schlafsäcke, genug warme Kleidung, Gaskocher sowie Nahrungsmittel für diese Zeit in zwei Rucksäcke. Zu schwer tragen wollten wir natürlich nicht, aber trotzdem mussten wird für jede Witterung gerüstet sein. Eine Wettervorhersage ist schier unmöglich, Patagonien gilt nicht umsonst als Wetterküche der Welt – erst recht am Ende des Sommers.

Nach einer Busfahrt von Puerto Natales in den Nationalpark und nach einer Bootsfahrt über den Lago Pehoé gelangten wir schliesslich um die Mittagszeit an den Startpunkt unseres W-Circuits: Refugio Lago Pehoé. Wir marschierten sogleich los über einen Felsweg ins erste Tal hinauf. Der erste Wandertag schafften wir noch lockeren Schrittes, die Regentropfen konnten unsere gute Laune nicht dämpfen. Der Weg führte weiter dem Lago Grey entlang und einzelne Eisstücke im milchig blauen Wasser kündigten schon bald den Grey Gletscher an. Etwas über fünf Stunden dauerte die erste Tageswanderung bis zum Campamento Los Guardas, wo wir unser Zelt windgeschützt im Wald aufstellten. Erstes Nachtessen: Reis mit Erbsen, zubereitet auf dem Gaskocher. Wir zogen sämtliche Merino-Schichten an und verkrochen uns beim Eindunkeln in die Schlafsäcke.

Bitterkalt war die erste Nacht in direkter Gletschernähe! Wir schliefen schlecht und es kostete uns einiges an Überwindung, uns am Morgen aus dem Schlafsack zu schälen und bei Temperaturen um die 5 Grad die noch feuchten Wanderkleider vom Vortag wieder anzuziehen. Zum Frühstück stärkten wir uns mit einem Müesli, wobei wir zwecks Gewichtseinsparung die Flocken vor der Abreise mit Milchpulver gemischt hatten und nur noch Wasser aus dem Gletscherbach dazu gaben. Das schmeckte erstaunlich gut. Oder vielleicht sinken auch die Ansprüche, wenn man wirklich Hunger hat! Und dann schnell das Zelt abgebaut und weiter ging es, bevor wir nur überhaupt wieder ans Frieren denken konnten.

Den gleichen Weg wie am Vortag wanderten wir wieder zurück bis zum Refugio Lago Pehoé und von dort aus weiter am türkis schimmernden See Nordenskjöld entlang, bis wir nach sieben Stunden den nächsten Campingplatz, Campamento Italiano, erreichten. Pausen machten wir einzig, um die Jacke und die Regenhose an- oder wieder auszuziehen. Das Wetter zeigte sich von der garstigen Seite und wechselte mit dem heftigen Wind im Stundentakt zwischen Sonne und Regen hin und her. In der Nähe der steilen Felswänden sahen wir Andenkondore ihre Runden ziehen. Was für gigantische und majestätische Vögel!

Weniger majestätisch empfanden wir unser Nachtlager im Campamento Italiano. Die Trekking-Saison neigt sich in Patagonien wegen dem bevorstehenden Winter dem Ende zu und wegen der zentralen Lage vom Campamento Italiano kamen wohl in den vergangenen drei Monaten hunderte, wenn nicht tausende von Wanderern an diesem kostenlosen Camp vorbei. Die Latrinen der Toiletten waren voll, die Kabinen bereits geschlossen. Fast hinter jedem Baum oder jedem Hügelchen traf man auf Unrat oder Müll, den unachtsame Wanderer einfach liegengelassen hatten. Eklig! Wir bauten unser Zelt auf an einem Ort, wo es möglichst nicht nach Openair-Toilette roch, assen einen Topf Suppe mit Flädli und schliefen mit noch mehr Kleiderschichten (Miriam zusätzlich mit der Merino-Possum-Mütze aus Neuseeland) um 19 Uhr bereits im Zelt, so müde waren wir nach dem anstrengenden Tag und dem schlechten Schlaf in der vorherigen Nacht.

Der Tag drei unseres W-Circuits war der schönste auf der ganzen Tour! Nur mit dem Mittagessen im kleinen Rucksack wanderten wir über Stock und Stein und bei Sonnenschein ins Valle del Francés. Von unserem Weg auf der rechten Talseite aus hatten wir den perfekten Blick auf den Francés-Gletscher, wo wir die Eismassen knacken und auch schon Eisstücke abbrechen sahen. Weiter oben weitete sich das Französische Tal zu einer Art Amphitheater umrahmt von Schnee bedeckten Berggipfeln. Was für eine atemberaubende Naturkulisse! Trotz der Sonne blies ein eisiger Wind und wir machten uns bald wieder an den Abstieg zurück ins Campamento Italiano, wo wir unser Zelt einpackten und wieder mit beiden Rucksäcken den Weg fortsetzten dem See entlang bis zum Campamento Los Cuernos. Leider ein nicht weniger schmuddeliger Ort als das Campamento Italiano, obwohl wir dort für den Zeltplatz bezahlen mussten. Dafür duschten wir wieder einmal warm und ausgiebig. In der Nacht kam das garstige Wetter zurück und Regen und Wind rüttelten derart an unserem Zelt, dass sich Patrick mitten in der Nacht einmal aus dem Zelt schlich, um alle Zeltschnüre und Heringe zu überprüfen.

Nicht nur ein Unwetter stattete uns in jener Nacht einen Besuch ab, sondern auch diebische Nager. Wir waren im Vorfeld gewarnt worden, dass zum Ende der Saison wahre Mäuseinvasionen die Campinplätze besiedelten und hatten unsere Essensvorräte sowie den Müll stets an Seilen in die Bäume gehängt. In jener Nacht scheinbar nicht hoch genug, die Mäuse hatten ein Loch in den Beutel gefressen und sich an einem Nussriegel gütlich getan. Doch dem nicht genug, in die Regenhülle und den Tagesrucksack hatten sie ebenfalls ein Loch geknabbert, wahrscheinlich auf der Suche nach Krümel vom Müll.

In der Nacht war die Temperatur um ein paar Grad gesunken und mit ihr die Schneefallgrenze auf unter 1000 Meter. Gegen heftige Windböen ankämpfend marschierten wir los mit neun Wanderstunden vor uns. Nach zwei Stunden begann es in Strömen zu regnen, nach drei Stunden verwandelten sich die Wassertropfen in Eis, die uns der starke Wind erbarmungslos ins Gesicht blies. Erste Wanderer kamen uns entgegen und warnten uns, dass ab dem Campamento Chileno Schnee lag, die Wetteraussichten seien düster, womöglich könne man nicht weiter hoch wandern (unser angesteuerter Campingplatz Los Torres lag noch ein paar Kilometer höher). Ausserdem seien alle Gipfel nebelverhangen, man würde die Torresbergspitzen, von denen der Nationalpark seinen Namen hat, also nicht sehen.

Wir hatten wenig Lust, bei dem stürmischen, nasskalten Wetter noch weitere Stunden zu wandern, um womöglich im Schnee zu übernachten und überhaupt nichts zu sehen. So entschlossen wir uns, unser W-Circuit an der Stelle verfrüht zu beenden. Zusammen mit den meisten anderen Wanderern, wie wir später feststellten.

Gesamthaft hat unser Torres del Paine W-Circuit also nur vier Tage gedauert, die letzte Strecke des Ws haben wir nicht ganz abgeschlossen. Trotzdem sind einige Kilometer zusammengekommen. Wie viele das sind, dürft ihr auf Win Chile schätzen und ein Souvenir aus Chile gewinnen.

Zurück in Puerto Natales feierten wir unsere Wanderung mit Marlene und Christian aus Österreich, die wir im Torres del Paine kennengelernt hatten. Im Restaurant „La Picada de Carlitos“ bestellten wir eine Parilla, eine riesige Grillplatte, wo Würstchen, Blutwurst, Poulet, Schwein, Rind und Lamm über heisser Kohle in unserer Tischmitte brutzelten. In der Nacht unter einem dicken Daunenduvet haben wir sehr gut geschlafen und sicher viel besser, als es auf dem Campamento Los Torres der Fall gewesen wäre mit dem heulenden Wind und dem Schnee!

Unsere Reise führt nun weiter in den argentinischen Teil Patagoniens. Bis dann!

Miriam y Patrick

6 Kommentare
  1. yo
    yo says:

    …woooooooooow – chapeau muss ich da mal sagen… mich schauderte es nur schon wenn ich von der kälte dort gelesen habe!!! respekt, wirklich:)!!! die torres erinnern mich an herr der ringe^^ und patrick: der pferdeschwanz steht dir 😀 ich denke, mirle denkt da genauso…;-)…?

  2. Diana
    Diana says:

    Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben, dreiiiimaaaal hoch…. Alles Gute zum Geburtstag Miriam! Hab einen wunderschönen Tag!

  3. Mättu
    Mättu says:

    Ich bewundere euch, dass ihr bei diesem Wetter so weit wandert. Aber wenn man dann die Fotos seht versteht man, dass es sich lohnt! Hat Pädu ein Kochlöfel geschnitzt?

  4. Patrick
    Patrick says:

    War gar nicht so einfach aus nassem morschem holz einen guten loeffel zu schnitzen 🙂
    werde glaube ich schnitzer wenn wir zueruck sind, entsprechende stellenangebote bitte an mich adressieren, danke.
    hasta la vista

  5. myp
    myp says:

    Danke für eure vielen Glückwünsche zum Geburtstag! Und ob wir einen schönen Tag verbracht haben, sogar das patagonische Wetter stand ganz auf meiner Seite!
    Dies wird übrigens nicht der letzte Fleischberg auf Fotos gewesen sein, fertig mit dem Beinahe-Vegi-Leben!
    Miriam

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