Inle Lake – bei den einbeinigen Fischern

Eine Tagesfahrt von Bagan entfernt liegt hinter den Bergen der Inle-See. Die Landschaft ist ganz anders, hügeliger und grüner als in Bagan.

Wir entschieden, am Inle Lake noch einmal fünf Nächte zu verbringen. Als einzige Gäste waren wir im sehr familiären PY1 Hotel in Nyaung-Schwe untergebracht. Jeder andere hätte diese Unterkunft gemieden, weil gerade umgebaut wurde. Aktuell wurden auf dem Vorplatz neue Tische und Stühle aus Massivholz gezimmert. Perfekt mit unseren Kindern. Denn wer braucht einen Pool oder einen Spielplatz, wenn es eine Baustelle mit allerlei Werkzeug gibt, wo die Kinder nach Herzenslust hämmern, sagen und spielen können? Zusammen mit dem Hahn, den Hühnern und der Küken des Nachbarn, die allmorgendlich vorbeikamen, um in den Holzspänen nach Futter zu scharren. Über die schlechte Internetverbindung und täglich mindestens ein Stromausfall in ganz Nyaung-Schwe konnte man getrost hinwegblicken, denn das scheint überall in Myanmar so zu sein.

An einem Morgen waren wir auf dem lokalen Markt von Nyaung-Schwe, wo noch per Fusspedal betriebene Singer-Nähmaschienen in Betrieb sind oder Feuerzeuge repariert und wieder aufgefüllt werden, die bei uns längst im Abfall landen. An einem anderen Tag haben wir uns von einem Pferdewagen durch die Gegend kutschieren lassen und dem Alltagsleben in den Dörfern zugeschaut. In ein Waisenhaus haben wir ausgediente Kleider und Spielzeug der Zwillinge gebracht sowie Süssigkeiten verteilt. Und in der Red Mountain Winery mit Blick auf den Inle-See den dort produzierten Sauvignon Blanc probiert, der wider Erwarten ziemlich gut schmeckte. Wir haben ein traditionelles Marionetten-Theater besucht, das bereits in der vierten Generation so betrieben wird.

Jeden Abend zogen religiöse Prozessionen durch Nyaung-Schwe, die in der Vollmondnacht mit Laternen und Feuerwerk ihren Höhepunkt fanden. Während für Alexis der Lärmpegel viel zu hoch war, trug Nicola stolz die ihm übertragene Laterne zusammen mit den anderen Kindern bis zum Tempel, wo die Kerze dann in eine kleine Mauernische gesetzt wurde.

Balance-Akt am Inle Lake

In der Gegend des Inle-Sees ist das Leben natürlich vorwiegend auf das Wasser oder den damit zusammenhängenden Tourismus ausgerichtet. Die Häuser in See- und Kanalnähe stehen auf Pfählen, auf schwimmenden Feldern gedeihen Tomaten, Gurken und Auberginen, Fortbewegungsmittel sind die hölzernen Langboote.

«Die händ jo glich zwöi Bei!» Nicola und Alexis waren zuerst einmal enttäuscht, dass der Name der einbeinigen Fischer auf dem Inle-See von der Ruder-Technik herrührt, bei der sie auf einem Bein balancieren. Die Vorstellungskraft der Kinder war schon viel weiter, dass es in Myanmar eben auch Landminen gäbe und auf dem Inle-See die Fischer mit einem abgerissenen Bein oder piratenähnlich mit einem Holzbein fischen würden. Nicht ganz.

Diese einzigartige Fischer-Technik auf dem Inle Lake wurde vom Intha-Stamm über Generationen weitergegeben. Mit einem Bein balancieren die Männer am Heck ihres Langbootes, während sie mit dem anderen Bein das Ruder halten und so das Boot dirigieren und trotzdem beide Hände frei haben. Denn beide Hände brauchen sie auch, um das Netz auszuwerfen und wieder einzuziehen oder eben aus diesem die Fische zu befreien.

Früher war es noch der trichterartige Netzkorb, der reichlich Fisch einbrachte. Heute sind die Fischbestände im See offenbar soweit zurückgegangen, dass mit längeren und tiefer hängenden Netzen auf die kleineren Fische gefischt werden muss. Dabei holen die Fischer mit ihrem Ruder weit aus und schlagen auf die Wasseroberfläche, um die Fische in ihr Netz zu jagen. Und wenn man die kleinen, jungen Fische aus dem Wasser holt, können diese gar nicht erst zu grossen Fischen heranwachsen und wieder Nachwuchs produzieren und so weiter und so fort. Wo dieses Ungleichgewicht hinführen wird, ist relativ klar. Also im übertragenen Sinne ein weiterer Balance-Akt aus natur- und umwelttechnischer Sicht am Inle Lake.

Handwerk auf dem Inle Lake

Trotzdem: das unterwegs sein auf dem Inle Lake hat uns allen sehr gut gefallen. Nebst den Fischern und dem Alltagsleben in den Pfahldörfern entlang des Sees konnten wir wieder einige spannende Handwerksbetriebe besichtigen. Zum Beispiel haben wir gelernt, dass nebst Seide in noch viel mühseliger Arbeit auch aus der Lotus-Pflanze ein Garn hergestellt werden kann. Die langen Pflanzenstängel werden aufgeschlitzt und hauchdünne Fasern herausgezogen. Diese werden nass aufeinandergelegt. Zusammengerollt und getrocknet ergeben sie dann ein Garn, mit dem kostbare Schals oder heilige Mönchsroben gewoben werden.

Bei den Silberschmieden waren wir ebenfalls. Und bei den Frauen, die Zigaretten und Zigarren herstellen – diesmal mit richtigen Tabakblättern, einmal in süsser und in herber Note. Im Dorf der Töpferinnen durfte Nicola selbst ein Schälchen töpfern. Alexis hantierte währenddessen lieber mit einer irgendwo ausgegrabenen Steinschleuder der Dorf-Kinder.

Wir haben auch die Web- und Nähkunst der so genannten Longneck-Frauen bestaunt. Wobei uns nicht ganz klar ist, warum es diese Longneck-Tribes in Laos, Thailand und nun auch Myanmar gibt? Auf dem Inle-See wohl mehr aus Kommerz- als aus Kulturgründen. Faszinierend war es trotzdem, gerade auch für unsere Zwillinge. Die stolzen «Langhals-Frauen» tragen von Kindheit an schwere, vergoldete Ringe um den Hals, die mit jedem Jahr erweitert werden. Durch das Gewicht des Metalls werden die Halsknochen und die Rippen heruntergedrückt, so dass es zu dieser Körperdeformation kommt, die bei diesem Volk als Schönheit gilt. Die Entfernung der Ringe würde zu einem Bruch des Halses führen, weil der Kopf gar nicht mehr aus Eigenkraft getragen werden kann. Bei unserem Besuch war eine 63-jährige Longneck-Frau vor Ort, deren viele Halsringe über 20kg wiegen. Dieser Anblick war dann doch unheimlich für unsere Kinder und Nicola traute sich erst nach Zögern in ihre Nähe.

Gold-Pagoden und Katzen-Kloster

Wir sind zur Indein-Pagode hochgewandert und haben die vielen Stupas aus Stein bewundert, einige davon weiss gestrichen oder mit Goldfarbe überzogen. Bei der «Monastery of Jumping Cats» springen zwar heute die Katzen nicht mehr durch Reifen, wie diese früher von Mönchen dressiert wurden, aber Katzen haben wir immer noch viele angetroffen in diesem Kloster. Grund genug, für uns dort etwas länger zu verteilen und wieder einmal ausgiebig mit Katzen zu schmusen.

Was uns jeweils seltsam erschien, waren die jahrmarktähnlichen Verkaufsstände rund um die grösseren und gut besuchten Tempel und Pagoden in Myanmar. Bis zum Eingang einer Anlage kämpfte man sich zuerst an zig Ständen vorbei, wo allerlei Kleider, Schmuck, Schnitzereien und andere Souverirs zum Verkauf angeboten werden. Doch nicht nur das, auch Dolche, Pfeilbogen, Steinschleudern und Plastikspielzeuggewehre. Wie geht das mit dem buddhistischen Glauben einher? Nicht wirklich, fanden Patrick und ich. Toll, fanden es natürlich Alexis und Nicola, denn sie sahen darin überhaupt die Motivation zum Tempelbesuch. Und natürlich haben wir jetzt auch zwei handgefertigte Holzsteinschleudern mit im Gepäck.

Vom Inle Lake geht es auf einer Tagesreise zurück nach Mandalay. Dort bleiben wir eine Nacht im gleichen Hotel wie bei unserer Ankunft. Am nächsten Tag geht es bereits wieder zum Flughafen und zurück nach Thailand.

Voller Erinnerungen an die Schönheit des Landes verlassen wir Myanmar: Miriam Patrick Nicola Alexis