Kampong Luong – Dorf auf dem Wasser

«Travel off the beaten track» wollten wir mit einem Abstecher der besonderen Art: ein Besuch mit Übernachtung in einer der Floating Villages auf dem grossen Tonlé Sap-See. Solche Besuche werden auch am Siem Reap angeboten. Diese sollen aber nicht mehr echt, sondern extra für die Touristen aufrechterhalten sein. Wir wollten das unverfälschte Floating Village-Erlebnis mit allen Vor- und Nachteilen – und das fanden wir auch.

Taxi statt Bus

Nach der nicht optimalen Busfahrt zu viert auf zwei Sitzen hatten wir die Transport-Optionen in Kambodscha einmal genauer recherchiert und waren darauf gekommen, dass für uns zu viert ein Privattaxi nicht viel teurer käme als vier Sitze bei einer besseren Bus- oder Minivan-Gesellschaft. Ganz zu schweigen von der Bequemlichkeit, da die ganze Strecke auf einmal, ohne Bus-Umsteigen oder Tuk-Tuk-Hassle gemacht werden kann.

So hatten wir vom Hotel in Battambang ein Taxi für uns organisieren lassen, das uns in zwei Tagen – mit Stopp in Kampong Luong – nach Phnom Penh bringen sollte (etwas über 300 km). Am Morgen stand wie abgemacht ein kambodschanischer Herr mit seinem Auto vor der Tür, der aber offenbar zum ersten Mal hörte, wohin er uns bringen und dort noch eine Nacht auf uns warten sollte. Er sprach kein einziges Wort Englisch und wir waren nicht sicher, ob er wirklich verstanden hatte, worum es ging. Aber vom Hotel versicherten sie uns, es würde klappen. Wir sollten nur Vertrauen haben.

Vertrauen brauchten wir vor allem bei seiner Fahrweise, bemerkten wir relativ schnell. Mit bis zu 130 km/h bretterten wir durch das Land, inklusive diverser Überholmanöver zum Luft anhalten und apruptem Bremsstopp wegen Wasserbüffel auf der Strasse. Dabei galt es für unseren Fahrer, nebst schier ununterbrochenem Hupen gleichzeitig drei Mobiltelefone zu bedienen, die auch manchmal alle drei schrillten.

Wo sind wir?

Nach 2.5 Stunden – vermutlich kambodschanische Rekordzeit – erreichten wir über Pursat schliesslich Krakor. Dort bogen wir in eine Staubstrasse ein, gesäumt von ärmlichen Blechhütten. Überall lag Plastikmüll. Kinder aller Altersstufen spielten auf der Strasse statt in der Schule zu sein, wie es um diese Tageszeit eigentlich üblich wäre. Dort, wo unser Fahrer schliesslich anhielt, währten wir uns immer noch in einem Slum. Weit und breit keine anderen Touristen. Ob wir wohl richtig sind? Immerhin am Wasser, wo Boote ent- und beladen wurden.

Sofort kam eine Frau angesprungen und wollte uns die Bootsfahrt zur Floating Village verkaufen. Also doch richtig. Wir erkundigten uns nach einer Homestay-Möglichkeit zum Übernachten. «Yes, yes», hiess es, und wir luden unsere Rucksäcke vom Taxi um auf ein Langboot.

Unser Taxi-Fahrer gab einem Mann der Gruppe seine Karte – man solle ihn morgen anrufen, um welche Zeit er uns wieder abholen könne. Wir hatten ihm erst die Hälfte des Fahrpreises bezahlt und hofften, die Aussicht auf die zweite Hälfte sei Motivation genug, am nächsten Tag auch wieder aufzukreuzen. Kopfschüttelnd und lachend zog er von dannen. Für ihn war wohl ziemlich ungläubig, dass wir, die sich ein Privattaxi leisten konnten, an so einem einfachen, ärmlichen Ort übernachten wollten.

Kampong Luong – das Dorf auf dem Wasser

Der Tonle Sap ist der grösste Süsswassersee Südostasiens – zumindest zur Regenzeit, wo er auf 12’000 km2 anschwillt und bis 14 m tief ist. Während der Trockenzeit misst der ganze See nicht mehr als 2 bis 3 m Tiefe und seine Fläche schrumpft auf ca. 3000 km2. Aus diesem Phänomen entstanden sind die schwimmenden Dörfer mit Häusern auf Bambus und heutzutage auch leeren Fässern, für die der Wasserstand keine so grosse Rolle spielt. Ein solches Dorf namens Kampung Luong hatten wir also angesteuert mit dem Langboot und waren erstaunt, dass wirklich alles vorhanden ist wie bei einem richtigen Dorf: zahlreiche Wohnhäuser inklusive Stall für Hühner und Schweine, diverse Läden, Restaurants, Tankstelle, Werkstatt, Schule, Festhalle, Kirche resp. Tempel – einfach alles auf Flössern erbaut. Von überall her winkten uns Kinder und frendliche Erwachsene zu. Bei der Rundfahrt durch das Dorf war nicht genau zu erkennen, ob sie für uns die Attraktion waren oder wir für sie. Alles in allem könnte Kampong Luong sehr idyllisch sein, wäre das bräunliche Wasser nicht auch voller Müll gewesen. Auch die Toiletten von jedem Floss entleeren sich natürlich direkt in den See. Und auf der Rundfahrt tauchte direkt neben unserem Boot plötzlich ein aufgedunsener, behaarter Tierkörper auf: ein toter Hund. Aber eben: so ist das unverfälschte «Floating Village»-Leben.

Eines der letzten Häuser steuerte unser Langboot-Chauffeur schliesslich an: hier könnten wir übernachten, hiess es.

 Homestay in Kampong Luong

Eine junge Frau mit ihrem Baby hiess uns willkommen. Sie sprach ein paar Brocken Englisch und wärmte unser Herz sowieso sofort mit ihrem offenen Lachen. Das Zimmer mit einer einfachen Matratze am Boden und darüber gespanntem Moskito-Netz kostete 6 US-Dollar. Bei dem Preis leisteten wir uns gleich zwei Zimmer. Patrick und Alexis teilten sich eines, Nicola und ich das andere.

Nicola und Alexis fühlten sich wie überall sofort wohl. Sie nahmen ihre paar Spielsachen hervor und spielten zusammen und mit dem kleinen Jungen. Für Patrick und mich war es völlig genug, zu sitzen und dem vorbeiziehenden Leben in der Floating Village zuzuschauen. Als das Gemüse-/Frucht-Boot vorbeikam, kauften wir Wassermelone und Mango als frisches «Zvieri» ein und unsere Gastgeberin kaufte später beim Fleisch-Boot etwas Hühnchen und einen Fisch. Diese verarbeitete sie am Abend zusammen mit Reis und Gemüse in unser Nachtessen.

Mit der Hygiene hatten wir unsere Bedenken, besonders beim Seewasser. Die Einheimischen baden im Tonlé Sap, waschen sich und ihre Kleider damit, kochen sogar mit dem Wasser. Wahrscheinlich war irgendwo in unserem Nachtessen auch Tonlé-Sap-Wasser dabei. Auf jeden Fall wechselten Patrick und ich uns nachts auf der Toilette ab. Und dieses Plumpsklo wäre wahrlich nicht ein Ort, den man sich freiwillig für Durchfall aussuchen würde. Dazu kam noch die nächtliche Begegnung mit einer Ratte, die grösser war als jede bisher in Asien angetroffene Katze.

Immerhin: Nicola und Alexis hatten klebrig bei über 30°C (wir hatten das Nicht-Duschen dem Seewasser vorgezogen) einigermassen gut geschlafen und blieben auch von Durchfall verschont. Sie wären gerne noch länger auf der Floating Village geblieben. Patrick und ich waren hingegen froh, als wir am Morgen mit zittrigen Beinen das Langboot wieder bestiegen und an Land zurück zum Blechhütten-Hafen fuhren. Wo eine halbe Stunde später unser frisch-geduschter und wohlriechender Taxi-Fahrer uns vier verschwitzte und unausgeschlafene Travellern wieder ins Auto lud. Um im gewohnten Höllen-Tempo die 150 km bis nach Phnom Penh zu brettern.

Um eine Erfahrung reicher: Miriam Patrick Nicola Alexis

1 Antwort
  1. Martina
    Martina says:

    Hey, so schön liebe Miriam, wie du eure wunderbare Erfahrung beschreibst! Es kommen so viele schöne Erinnerungen hoch…musste lachen wegen eurer Fahrt mit dem privaten Taxi. Wir hatten damals eine ähnliche Situation mit ganz speziellen Überholmanövern etc…, wo nur noch das Hoffen und Augenschliessen half… Wuensche euch eine ganz gute Weiterreise! Geniesst es und passt auf euch auf!

    Herzlichst
    Martina

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