Potosí, Sucre und La Paz

Verflossener Reichtum eines ganzen Landes, Explosion in der Silbermine, Osterspaziergang durch Kolonialbauten sowie Nervenkitzel auf der gefährlichsten Strasse der Welt: unsere Erlebnisse in drei bolivianischen Städten. Und abenteuerliche Busfahrten dazwischen.

Den Busfahrten in Bolivien eilt der Ruf weit voraus und jede Reisebegegnung hat das eine oder andere Schauermärchen auf Lager. Nichtsdestotrotz wollten wir ab sofort per Bus durch Südamerika reisen, als erstes von Uyuni nach Potosí, das heisst sechs Stunden Fahrt für rund 5 CHF.

Da es bereits dunkel war, konnten wir das Gefährt, dessen Motor wahrscheinlich schon eine gemächliche Stunde vor sich hin röchelte, gar nicht richtig in Augenschein nehmen – vielleicht zu unserem Vorteil. Dass der Motor auch im Stand lief, steht übrigens ausser Zusammenhang mit einer Heizung. Nein, nächtliche Busfahrten auf 4000m ü. M. sind bitterkalt und während sich die Einheimischen mit Polardecken einpackten, kuschelten wir uns mit Jacken, Schal und Handschuhen etwas tiefer in den Sitz. Schnell wurde klar, warum der Busfahrer ein Daunenkombi trug, als würde er zu einer Nordpolexpedition aufbrechen.

Die Vorhänge waren bereits gezogen und kaum hat der Bus Uyuni hinter sich gelassen, waren um uns herum Schnarchgeräusche zu vernehmen. Patrick schlief auch bald ein, Miriam schaute durch einen kleinen Vorhängespalt zum Sternenhimmel und sah zwischendurch im Scheinwerferlicht am Strassenrand errichtete Mahnkreuze aufblitzen. Ansonsten herrschte schwarze Nacht. Nur kleinere Strassenabschnitte waren asphaltiert. Der Bus bretterte über Naturstrassen, schlitterte im Kies, Schlaglöcher liessen einem für eine Sekunde vom Sitz abheben und den abfallenden Hang gleich neben der Strasse konnten wir nur erahnen. Mitten im Nirgendwo stiegen in bunte Tücher gehüllte Einheimische aus – weit und breit kein Haus oder auch nur ein Licht auszumachen.

Immerhin, wir waren auf die Minute pünktlich losgefahren und trafen statt nach prophezeiten sechs Stunden nach weniger als fünf Stunden um Mitternacht doch mit einem Gefühl von Erleichterung in Potosí ein.

Potosí – Stadt vom verflossenen Reichtum
Potosí liegt auf fast 4000m ü. M. und war einst eine der reichsten und grössten Städte der Welt. Anbauen lässt sich in diesem kargen Gebiet kaum etwas, aber dafür umso mehr abbauen. Schon die Inka hatten im Berg Cerro Rico nach Silber gegraben und auch die spanischen Besetzer schöpften ihren Wohlstand aus jenem Berg. Der Reichtum schwand langsam mit dem Vorkommen an Edelmetalle und obwohl heute der Bergbau weiterhin Potosís Haupteinnahmequelle ist, gilt die Stadt als bitterarm.

Unser deutschsprachiges Reisetrüppchen mit Gudrun und Christof hatte sich inzwischen erweitert um Christine und Marcel aus Deutschland. So machten wir uns auch zu sechst auf, eine Minengenossenschaft am Cerro Rico zu besichtigen. Unser Guide Choco Loco, ein früherer Minenarbeiter, führte uns zuerst zum „Mercado de los Mineros“, dem Markt der Minenarbeiter, wo wir Mitbringsel einkaufen sollten. So zum Beispiel Fruchtsaft, 96%igen Alkohol, Cocablätter oder Sprengstoff – was ein Minenarbeiter eben so zum Leben und Arbeiten braucht.

Mit Gummistiefeln, Schutzkleidung, Helm und Lampen ausgestattet sowie die Einkäufe vom „Mercado de los Mineros“ am Rücken marschierten wir los in einen Stollen im Cerro Rico. Knöcheltief wateten wir durch Arsen verseuchtes Wasser, welches von der mit modrigem Holz gestützten Decke tropfte. Der Geruch nach Sprengstoff mischte sich mit Staub, wir mussten uns bücken, um durch den engen Gang zu kommen. Nach rund einem Kilometer mitten im Cerro Rico trafen wir auf zwei Minenarbeiter, die unserem Grüppchen aus ihrem Alltagsleben berichteten, die Backen immer voller Cocablätter, die Hunger und Müdigkeit vergessen lassen sollen.

Noch heute schürfen an die 13’000 Minenarbeiter – davon schätzungsweise 1000 Kinder – in den Stollen vom Cerro Rico nach Silber und Zinn, meist unter haarsträubenden Sicherheitsbedingungen. Gearbeitet wird mit vollem Körpereinsatz, die Arbeitsweise und Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter haben sich in den letzten zweihundert Jahren kaum verändert. Angeblich verunglückt durchschnittlich ein Minenarbeiter pro Tag durch einstürzende Stollen, austretende Gase oder Arsenvergiftungen.

Die Arsen beschmutzten Hände werden mit dem eigenen Urin gewaschen, bevor sich die Minenarbeiter eine weitere Hand voller Cocablätter in den Mund stopft. Auch unserer Gruppe bleibt die Minenarbeitermahlzeit nicht erspart: Cocablätter (ohne das Urin-Waschritual) und ein Schluck von dem 96%igen Alkohol auf den „Teufel vom Cerro Rico“. Das brannte wie Feuer, aber alle haben noch ihr Augenlicht…

Patrick ist fasziniert, als die Minenarbeiter mit dem mitgebrachten Plastiksprengstoff und dem Ammoniumnitrat mittels Sprengzünder in einem Nachbarstollen eine gewaltige Bombe zündeten. Von der Decke bröselte Gestein und die Druckwelle der Explosion war mit einer solchen Wucht spürbar, dass Patrick dachte, sein letztes Stündchen hätte geschlagen.

Bei dem ganzen Spektakel war Miriam nicht mit dabei. Nach rund 500 Meter im Berg musste sie umkehren wegen starker Übelkeit. Beim Warten auf Patrick erfuhr sie von den zahlreichen Kinder der Minenarbeiter, dass alle um die zehn Geschwister haben und schon von klein auf in der Mine mithelfen. Das Zusatzeinkommen von 80 Bolivianos (ca. 10 CHF) pro Arbeitstag eines Kindes ist für die armen Familien oft Notwendigkeit zum Überleben.

Miriam hatte entweder das Essen oder die Höhe nicht gut vertragen und nach ein paar leidenden Stunden in Toiletten- (oder Felsen-) Nähe sowie einem Stabilitätstest bolivianischer Plastiksäckchen nach Übelkeitsattacken brauchte sie wieder ein paar Tage, um auf die Beine zu kommen. In Potosí folgten also ein paar Ausruh- statt Sightseeing-Tage.

Gewohnt haben wir in Potosí im Hostal La Casona, leider sehr laut und schmutzig sowie mit unfreundlichem Personal. Buchungen über hostelworld.com oder hostelbookers.com sind in Bolivien zum ersten Mal auf unserer Reise kein Vorteil mehr. Direkt bei Hotels anfragen und das Zimmer begutachten, heisst neu die Devise. Preislich können wir uns dafür in Bolivien auch wieder einmal ein Doppelzimmer mit eigenem Bad leisten.

Sucre – Hauptstadt mit geschichtlicher Bedeutung
Diesmal fuhren wir tagsüber mit dem Bus von Potosí nach Sucre. Trotz des alten Fahrzeuges empfanden wir die drei Stunden als sehr angenehm und wir genossen die Aussicht auf eine immer grüner werdende Natur. Das Klima rund um Sucre ist wegen seiner Höhe auf „nur“ 2800m ü. M. wieder um einiges wärmer, tagsüber sogar T-Shirt-Wetter.

Sucre ist mit dem obersten Gerichtshof die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens und gilt wegen seiner Kolonialbauten als schönste Stadt des Landes. Im Hotel Libertad in der Nähe der Plaza im Stadtzentrum bekamen wir auf Anfrage ein Doppelzimmer mit eigenem Bad sowie der schnellsten Internetverbindung seit unserer Ankunft in Südamerika für umgerechnet 15 CHF. Nicht schlecht!

Zu Fuss erkundigten wir die Stadt, genossen die Aussicht von der Recoleta aus, sahen uns die weissen Kolonialhäuser und zahlreichen Kirchen an sowie den Friedhof. Während Patrick und Marcel bei einem Cerveza (Bier) Fussball schauten, haben Miriam, Gudrun, Christine und Christof der Casa de la Libertad einen Besuch abgestattet und viel Interessantes über die Geschichte Südamerikas erfahren. Der Befreiungsschlag gegen die spanischen Besetzer hat ihren Ursprung in jenem Museumshaus, einer einstigen Schule und auch Boliviens Unabhängigkeitserklärung wurde dort 1825 unterzeichnet.

Der lokale Markt war ein wahres Sinnesfest und wir haben frischgepresste Fruchtsäfte getrunken. Weiterhin zu sechst haben wir für unseren Osterbrunch am Sonntag in einem kleinen Laden sogar Schokoladeneier aufgetrieben. Der Schokoladengeschmack mochte uns Schweizer zwar nicht ganz überzeugen, doch war es eine Abwechslung zu den sonstigen Schokoladensüssigkeiten wie Snickers und Twix.

Am Osterabend besuchten wir eine bolivianische Folklore Show im Espacio Cultural, ein lautes und wildes Getanze mit wehenden Röcken, bunten Masken und Instrumenten, welche die verschiedenen Regionen des Landes repräsentierten. Zum Abschlusstanz wurden wir sogar noch auf die Bühne gebeten für einen gemeinsamen Tanz.

Noch immer zusammen mit Gudrun, Christof, Christine und Marcel buchten wir einen Nachtbus für die Weiterfahrt nach La Paz. Für umgerechnet 16 CHF gönnten wir uns die „Luxusvariante“, in Realität ein doch recht schmuddeliger Cama-Bus der Empreza Bolivar. Auf einer solchen Reise sind Mützen und Kapuzen von Vorteil, um sein Haar nicht am ranzigen Kopfpolster zu beschmutzen. Wir besetzten zu sechs drei Sitzreihen hintereinander. Die Nacht im Bus wurde erneut frostig, die Toilettenkabine blieb während der ganzen Fahrt abgeschlossen. Was das bolivianische Paar, welches hinter Gudrun und Christof sass, in der Not wohl dazu veranlasste, in einen Behälter zu pinkeln. Leider nicht ganz treffsicher, ein nasser, entsprechend riechender Fleck am Rucksack unserer österreichischen Freunde verriet das Malheur.

La Paz – Zwischen Chaos, Moloch und Schönheit
Nach dreizehn Stunden Fahrt trafen wir in La Paz ein, wieder auf fast 4000m ü. M. Die Stadt liegt in einem Talkessel, mehrere hundert Meter die Hänge hoch ziehen sich die Behausungen der ärmeren Bevölkerungsschicht. An die zwei Millionen Menschen wohnen in La Paz, und obwohl die Friedliche nicht die offizielle Landeshauptstadt ist, wurde der bolivianische Regierungssitz wegen der zentraleren Lage dorthin verschoben. Dies ist damit die Stadt mit dem weltweit höchstgelegenen Regierungssitz. Zum Glück hatten wir uns inzwischen alle an die Höhe gewöhnt, auch wenn Patrick und Christof immer noch überzeugt gegen die Höhenkrankheit Cocablätter kauen.

Mit der Suche nach einer Unterkunft taten wir uns diesmal etwas schwerer. Hotels waren uns zu teuer und einige Hostals zu schmuddelig. Schliesslich fanden wir das Sol Andino unweit der Kirche San Francisco sowie in der Nähe der lokalen Märkte. Zu später Stunde sollte man sich zwar nicht mehr unbedingt auf der Strasse bewegen, aber bei Tageslicht besuchten wir in der Nähe das Cocamuseum sowie den „Mercado de las Brujas“ (Hexenmarkt) mit allerlei skurrilen Kräutern, Pülverchen oder getrocknete Lama-Fötusse, den Markt voller Handwerksware und Souvenirs oder den „Mercado Negro“ (Schwarzmarkt), wo man sich schon fragen kann, ob die zum Verkauf gebotenen Kameras mit abgegriffenen Knöpfen nicht vielleicht einst Touristen gehörten. In kleinen Ständen werden von Marken- oder traditionellen Kleidern über Nähmaschinenersatzteile, ausgewaschenen Nescafé-Gläsern bis hin zu Grossmengen Reis oder in Plastiksäckchen abgepresstes Öl alles verkauft. Die Standbesitzer bezahlen keine Steuern, aber der Schwarzmarkt ist inzwischen zu gross und wichtig (Arbeitsplätze, Geld etc.), dass die Regierung etwas dagegen unternehmen würde.

Patrick buchte zusammen mit Christof und Marcel eine Bike-Tour auf der „Ruta de la Muerte“ (Strasse des Todes) unweit von La Paz. Ein Minibus brachte die drei Mutigen auf den Cumbre-Pass auf 4650m ü. M., von wo es bis auf 1150m ü. M. in rasanter Fahrt abwärts ging. Die ersten 22km rasten Patrick, Christof und Marcel auf der neuen, asphaltierten Strasse, bevor sie für weitere 40km auf die berüchtigte gefährlichste Strasse der Welt einschwenkten, der „Ruta de la Muerte“ mit senkrecht abfallendem Abhang, selbstverständlich ohne Leitplanken. Kaum zu glauben, dass diese kurvenreiche Schotterstrasse am Abgrund noch vor wenigen Jahren der bolivianische Schwerverkehr passierte. Damals kam es immer wieder zu schlimmen Unfällen, wo ganze Busladungen voller Menschen in der Tiefe verschwanden. Die Strassen sind für Mensch und Material herausfordernd und wir hatten uns öfters gefragt, wie dort Busse nebeneinander durchfahren konnten, wenn schon ein Überholmanöver mit dem Bike den Puls in die Höhe jagte. Mit einer selbst gebastelten Helm-Kamera sind einige gute Videos gelungen.

Anfänglich hatten wir unsere Bedenken wegen der Ausrüstung. Tourenanbieter gibt es in La Paz wie Sand am Meer und man weiss nie, mit was für Drahtesel sie einem losschicken. Das Equipment der Agentur Pacha Adventure war jedoch tadellos und ausser einem Kettenriss bei Christofs Bike und einem Schaltkabelriss bei Patricks Bike blieben alles und alle heil. Nach drei Stunden Bremsen ziehen verkrampften sich die Finger und die Handballen schmerzten, doch die fantastische Szenerie vom kalten Berg zum tropischen Dschungel sowie der dazugehörige Adrenalinschub so nahe am Abhang hinterliess nichts als Begeisterung.

Nach drei bolivianischen Städten brauchen wir nun wieder einmal etwas Grün und Ruhe um uns herum. Christine und Marcel haben sich richtig Peru verabschiedet und wir fahren zusammen mit Christof und Gudrun für ein paar Tage auf die andere Seite der Cordillera ins tropische Yungas-Gebiet.

Miriam y Patrick

5 Kommentare
  1. Lüscher
    Lüscher says:

    Ich muss es einfach auch wieder einmal schreiben, eure Reiseberichte und Fotos sind einfach genial!!! Vielen Dank und geniesst es weiterhin! lg

  2. yo
    yo says:

    …sehr sehr eindrücklich das alles hier, hat mich sehr bewogen…!!! *knuddels*

  3. Thomas
    Thomas says:

    Etz hänis gfunde! das isch ja mal z Maximum. Chas fasch nime erwarte die hüere Death Road!!! Und die Bikes gsehnt so ufem foto rächt in Ordnig üs! Super Sach das machi öi! Vill Gspass witerhi!!!

  4. patrick
    patrick says:

    death road esch genial gsi, choschtet 380 bolivianischi bolivianer, muesch chli märte met de chica.
    bikes send tiptop gsi, het veli gha wo vell meh zahlt händ ond met hüëre trüürige göpple onderwägs gsi send.
    hasta luego

  5. Käthi
    Käthi says:

    Hola Miriam y Patrick

    Melde mich auch wieder einmal bei euch. Ist ja wahnsinnig was Ihr zwei so alles erlebt auf eure Reise. War auch schon beim Titicacasee Peru, ist fantastisch gäll ja!
    Merci noch für die GB Karte.
    Bin immer noch in der MM, noch bis Ende Juni, da Fabienne Bugnon erst am 30.05.2011 anfängt, hat MM mich gefragt ob ich noch zwei Montage anhängen könnte.

    Nun habe gelesen, dass Ihr noch nach Südafrika/Namibia reist, ist ja toll, kann ich nur empfehlen. Wünsche euch weiterhin alles Gute/Spass auf eurer Reise!

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